Freitag, 7. Oktober 2011
Von Müßiggängern und Modebienen
7. Oktober
Kennen Sie Cécilia Attias? Nein? Na, aber vielleicht kennen Sie Cécilia Maria Sara Isabel Ciganer-Albeniz geschiedene Martin geschiedene Sarkozy Attias? Sehen Sie, jetzt wissen Sie es. Cécilia Attias ist Sarkos Ex, Frankreichs kurzfristigste Firstlady, die, die so aussieht wie Carla Bruni in älter und eine dieser typischen reichen Pariserinnen, die mit glatt gehobelten Gesichtern, schicken Minis oder Fiat 500, Hermes-Taschen und Louboutin-Schläppchen das goldene Dreieck zwischen der Avenue Montaigne, Louis Vuitton und dem Hotel Bristol bevölkern, die sich morgens beim Frisör oder bei der Kosmetikerin die Zeit vertreiben, mittags mit Freundinnen lunchen und nachmittags shoppen gehen, bevor sie sich von ihrem anstrengenden Tag bei einem kleinen Drink an irgendeiner schicken Hotelbar erholen. Cécilia hat jetzt auch ein Blog. Nicht zu Mode, Kosmetik, Hin- und Herjetten zwischen New York (wo sie lebt) und Paris (wo sie oft ist) oder irgendeiner anderen Art, sein Geld effektiv zu verbraten. Nein, ein Blog, auf dem sie uns jeden Tag ihre Meinung zur Weltpolitik mitteilt. Palästina Krise, drohender Euro-Zusammenbruch, Hungersnot am Horn von Afrika, nichts ist ihr fremd, zu allem hat sie was zu sagen. Ein Blog, das ebenso interessant ist, wie die Meinung von Paris Hilton zur Weltpolitik, nur dass Paris Hiltons Ansichten wahrscheinlich irgendwie witziger wären und dass Cécilia genau dann startet, als ihr winziger, aufgeblasener Exmann in die Endrunde seines wenig aussichtsreichen Wahlkampfs um die Präsidentschaft in Frankreich eintritt. Happy Coincidence, n'est pas? Ein Blog, das weniger motiviert von der Sorge um die Weltpolitik, als der hübsche Versuch zu sein scheint, ihrem gernegroßen Exmann mit elegant gespitzen, dezent geschminkten Lippen in sein Süppchen zu spucken, das er früher gemeinsam mit Cécilia, heute allein oder mit Carla im teuren Restaurant des Hotel Bristol einzunehmen pflegt. Das alles wäre ja an sich nicht so schlimm: Irgendeine in die Jahre gekommene Lady äußert sich zur Weltpolitik, um ihren Ex zu ärgern. Na und? Dummerweise sind wir in Paris. Also stürzt sich die Presse drauf und schreibt drüber: von Figaro bis Gala! Hebt Cécilia und ihren dritten Mann Richard auf die Titelseiten, als wäre ihr Blog irgendetwas Weltbewegendes, wahrscheinlich frei nach dem Motto "wenn irgendwo in China ein Sack Reis umfällt." Und damit wären wir mal wieder beim Thema. Paris ist voll von aufgeblasenen Wichtigtuern, die aus Nichts scheinbare Bedeutung schöpfen. Ist natürlich auch eine Kunst, da haben Sie wahrlich recht, aber nerven tut es trotzdem. Neulich zum Beispiel habe ich versucht, mich als Vertretung für einen Kollegen, der regelmäßig über Kunst in Paris schreibt, auf die Liste einer Pressevernissage im Grand Palais setzen zu lassen. Die Leiterin der Pressestelle beschied mir, dass ich einen schriftlichen Antrag unter Beifügung meiner letzten Veröffentlichungen stellen müsste. Uha, hörte sich ganz schön wichtig an! Als ich dann zur Eröffnung kam, wälzte sich mit mir ein wahrer Gerontozug die vielen Treppen zu den edlen Hallen hinauf: Hundertjährige Damen mit blassviolett gefärbten Haaren und Diorkostümen von 1970, beleibte Herren mit spärlichen Haarkränzchen und dicken Gleitsichtbrillen. Die schrieben also alle fleissig Artikel, die sie zum Eintritt in die Pressevernissage berechtigten?? My ass! Auf jeden Fall kannten die meisten von ihnen das voluminöse Schlachtschiff, das die Pressehühnchen betreute, auf Bussi-Bussi-Niveau, was wohl der Ausgleich dafür war, dass die Zeitungen, für die sie vielleicht mal geschrieben haben, schon vor 30 Jahren eingestellt worden sind. Nebenan tobte übrigens an diesem Tag gerade die Modenschau von Chanel. Was wiederum ein ganz eigenes Spektakel ist. Sie müssen sich das so vorstellen: Während auf der einen Seite die Gebisse im Takt zum Plöppen der Gehilfen klapperten, rannten auf der anderen Seite dürre, circa zwei Meter große Frauen auf unglaublichen Absätzen, mit noch unglaublicheren Frikos und Tennisschläger großen Sonnenbrillen auf der Jagd nach Taxis durch die Gegend. Eine trug ein Art Cape in korallenrot, das ganz knapp unter ihrem hübschen Arsch endete. Im ländlichen Frankreich nennt man so was "Rase pet" (Furz-Rasierer), in Paris heisst das Haute Couture. Unter dem Cape trug sie eine fleischfarbene Strumpfhose, die in lachsrosa Lack-High-Heels endete, an denen hinten eine Art stiliserter Pfauenschweif ebenfalls in lachsrosa Lack befestigt war. Echt bizarr, glauben Sie mir. Ich wurde übrigens, während ich mir das Schauspiel der vorbeirasenden Modebienen anschaute, auf meiner Vespa von einem aggressiven Lieferwagenfahrer absichtlich zwischen seiner verbeulten Kühlerhaube und einem Seitenbegrenzungspfahl eingeklemmt, wahrscheinlich weil er sich darüber geärgert hatte, dass ich an der roten Ampel vor seine Rostlaube gefahren war. Eigentlich hätte ich absteigen und ihm kräftig aufs Maul hauen sollen, aber mein Fuß war leider mit eingeklemmt, also musste ich mich drauf verlegen, ihn solange zu beschimpfen und mit der Faust seine Motorhaube einzudellen, bis er ein Stück zurück rollte und mich ziehen ließ...

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